Trauer um die Mama: Margarita über den Tod ihrer Mutter und das Leben danach

Aktualisiert: 29. Sept.
Interview aus dem Jahr 2025
Wie fühlt es sich an, sich von der geliebten Mama zu verabschieden? Was kann tragen, wenn die Trauer einen überrollt, und wo darf neue Hoffnung sichtbar werden?
Ich glaube, die Angst, einen geliebten Menschen verabschieden zu müssen, tragen wir alle in uns. Manche trauen sich, sich mit dieser Angst auseinanderzusetzen, andere verdrängen sie oder versuchen, die Endlichkeit des Lebens auszublenden, in der Hoffnung, dass es sie selbst nicht trifft, zumindest nicht jetzt, nicht so bald.
Doch in jedem Moment kann es uns treffen. Genau das, wovor wir am meisten Angst haben. Krankheit, ein Unfall, der Tod: Plötzlich ist alles anders.
In diesem Interview möchte ich dir eine Frau vorstellen, die ich im Prozess des Abschieds von ihrer Mama begleiten durfte. Margarita ist 24 Jahre jung. Zwei Jahre lang hat sie Seite an Seite mit ihrer Mama die Krebserkrankung durchgestanden. Zwei Tage nachdem sie ihre Trauerbegleitung begonnen hat, ist ihre Mama gestorben. Nun steht sie vor der Realität, ein Leben ohne ihre geliebte Mama zu gestalten.
Was sie in dieser Zeit durch ihre Mama gelernt hat, welche Erinnerungen ihr heute Kraft schenken und was ihr Halt gegeben hat, erfährst du in diesem Interview. Dieses Gespräch berührt nicht nur Menschen, die gerade selbst trauern. Es schenkt auch allen, die bisher nur mit der Angst vor dem Verlust gelebt haben, wichtige Einblicke und zeigt, dass Trauer nicht nur Schmerz bedeutet, sondern auch einen Weg eröffnen kann, tiefer ins Leben zu finden.
In diesem Interview: Mit 24 die Mama an Krebs verloren · Erinnerungen an die Mama · Die Zeit vor dem Tod der Mutter · Was in der Trauer Halt gibt · Was hilft, wenn die Mutter gestorben ist · Trauerbegleitung vor und nach dem Tod · Was Margaritas Geschichte zeigt

Theres: t.rau*raum heißt so, weil ich glaube, dass Tod und Trauer Raum brauchen dürfen, einen Ort, an dem Gefühle einfach sein dürfen, ohne bewertet oder weggedrückt zu werden. Liebe Margarita, zu Beginn unseres Interviews möchte ich dir eine besondere Frage stellen:
Stell dir vor, wir begegnen uns in einem Aufzug, auf dem Weg nach oben. Für einen kurzen Moment teilen wir uns diesen kleinen Raum. Während sich unsere Blicke treffen, frage ich dich: Wenn du einen Raum betrittst, was ist dann mehr im Raum?
Margarita: Wenn ich einen Raum betrete, bringe ich Hoffnung mit. Selbst im Schmerz glaube ich, dass etwas Größeres uns trägt.
Über Margarita: Mit 24 die Mama an Krebs verloren
Theres: Welche Eigenschaften magst du besonders an dir?
Margarita: Ich persönlich liebe es total, Menschen zu helfen und sie wieder aus einem Tiefpunkt oder einer schwierigen Lage hochzuziehen und wieder aufzubauen. Manchmal empfinde ich diese Eigenschaft auch als lästig, denn man erwartet so etwas auch von seinem Gegenüber. Doch man sollte seine Hilfsbereitschaft nicht von den Reaktionen anderer abhängig machen, sondern dies aus reinem Herzen tun. Zudem bin ich sehr ehrgeizig, und wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann möchte ich es unbedingt durchsetzen, auch wenn mein Fokus aktuell viel auf der Trauer und der damit verbundenen Prokrastination liegt.
Theres: Was ist dir wichtig im Leben?
Margarita: Ich möchte meine Liebsten und mich in Sicherheit und Freiheit wissen. Außerdem bin ich trotz allem ein positiver Mensch, und mir ist es wichtig, trotz meines Verlustes weiterhin so glücklich zu sein, wie ich es in diesem Moment nur sein kann, und das Leben in vollen Zügen zu genießen. Ich möchte Spaß, Glück und Liebe in meinem Leben so oft wie möglich erfahren und versuche, mir diese Momente auch selbst zu erschaffen.
Theres: Um wen trauerst du?
Margarita: Ich trauere um meine geliebte Mama, die leider mit nur 49 Jahren viel zu früh diese Welt verlassen musste.
Erinnerungen an die Mama, die bleiben
Theres: Mit welchen drei Wörtern würdest du deine Mama am besten beschreiben?
Margarita: Meine Mama war so vieles, deshalb fällt es mir schwer, ihr mit drei Wörtern gerecht zu werden. Ich versuche es aber trotzdem. Sie war unglaublich hilfsbereit, liebevoll, stark.
Theres: Magst du mir erzählen, wer deine Mama für dich war, wie du sie in Erinnerung behältst, wenn du an sie denkst?
Margarita: Meine Mama war nicht nur die Frau, die mir das Leben geschenkt hat. Sie war noch so viel mehr. Zum einen war sie meine beste Freundin. Mit ihr konnte ich stundenlang über Gott und die Welt reden, und sie hat mich verstanden. Sie konnte mich in jeder schwierigen Lebenslage auffangen und mich wieder hochziehen, sodass ich bei ihr immer Halt gefunden habe. Ich werde in ihr für immer die starke Frau sehen, die sie war. Obwohl der Krebs versucht hat, sie schwach zu machen, hat sie dem getrotzt und mir gezeigt, dass man sogar trotz so einer schwerwiegenden Diagnose sein Wesen und seine Art beibehalten kann.
Abgesehen davon war sie das Gesamtpaket. Ich wollte zum Friseur gehen, meine Mama konnte mir die Haare schneiden. Ich bin ins Restaurant gegangen, aber wieso, wenn ich zuhause die beste Köchin der Welt hatte? Ich war erkältet, und keine Medizin hat mir so gut geholfen wie ihr Himbeertee. Jungsprobleme? Auf zum Beziehungscoach? Quatsch. Mama hatte die besten Ratschläge parat und hat mich selbst zum Coach gemacht. Probleme in der Schule? Konnte es nicht geben, wenn Mama mit mir lernte. Wieso dann zur Nachhilfe gehen?
Ich könnte noch so viele Beispiele nennen, aber ich denke, man erkennt daran, dass sie eine riesige Rolle in meinem Leben gespielt hat und für immer spielen wird, auch wenn sie physisch nicht mehr hier ist. Danke, Mama.
Theres: Gibt es ein Bild, einen Moment oder eine Geste von ihr, die dich besonders begleitet?
Margarita: Der Moment, an dem ich jeden Morgen aufgewacht bin, sobald ich gehört habe, dass sie wach ist und bereits in der Küche saß. Ich bin jeden Morgen glücklich aufgewacht, weil ich wusste, dass ich gleich mit ihr Kaffee trinken und mit ihr reden kann. Nun ist das einer der härtesten Momente: jeden Morgen aufzustehen und den Kaffee allein zu trinken.
Theres: Wofür bist du deiner Mama dankbar?
Margarita: Ich bin ihr unglaublich dankbar für mein Leben. Sie hat ihr Leben in einem anderen Land aufgegeben, damit sie mir die Möglichkeit bieten konnte, nach Deutschland zu kommen. Sie verließ ihre eigene Mutter, ihren Bruder und die Liebe ihres Lebens, damit ich die Chance auf ein besseres Leben bekam. Diese Entschlossenheit, Stärke und Liebe hat sie mir mitgegeben, und ich kann diese Eigenschaften auch weitergeben an die Menschen, die mir wichtig sind. Sie hat mich bedingungslos geliebt, sich um mich gekümmert und dafür gesorgt, dass es mir an nichts fehlte. Ich bin ihr auch sehr dankbar, dass sie meine Schwester auf die Welt gebracht hat, damit ich nicht allein bin. Das hat sie auch so gesagt. Danke, Mama!
Die Zeit vor dem Tod der Mutter: Wenn die Welt still wird
Theres: Deine Mama ist am 21. Juni 2025 gestorben. Nimm mich mit in die Tage, Wochen oder Monate davor. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Margarita: Das ist eine Zeit, an die ich nur ungern zurückdenke, denn sie war geprägt von Leid und Schmerz durch ihre Krebserkrankung. Dennoch war diese intensive Zeit auch geprägt von bedingungsloser Liebe, Stärke und Zusammenhalt. Ich war die ganze Zeit nur darauf fokussiert, wie ich sie vielleicht vor dem Tod retten kann, obwohl ich rational wusste, dass unsere Zeit begrenzt ist. Ich habe sehr viel recherchiert, mit Ärzten gesprochen, gleichzeitig in Vollzeit gearbeitet, in Teilzeit nebenbei studiert und mich so gut wie möglich um sie gekümmert. Ich hatte keine Zeit für mich selbst und habe vergessen, wer ich eigentlich bin und was mir guttut. Ich war fast jeden Tag mit ihr im Krankenhaus, habe sie zu ihren Therapien gefahren und war bei ihren Prozeduren dabei, damit ich ihre Hand halten konnte. Mir war es wichtig, alles zu tun, um ihr zu helfen. Sie war keinen einzigen Tag allein, und ich war immer an ihrer Seite.
Was in der Trauer um die Mama Halt gibt
Theres: Was hilft dir im Umgang mit deiner Trauer? Gibt es kleine Rituale, Menschen oder Orte, die dir Halt geben?
Margarita: Mir hilft es, in der Trauerbegleitung darüber zu sprechen und all meinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf zu lassen. Mein Freund ist ebenfalls eine große Unterstützung, da er mich wieder aufbaut, wenn es mir schlecht geht. Er lenkt mich ab, und bei ihm kann ich mich fallen lassen und meine Trauer zulassen. Es hilft mir auch, Sport zu machen und mich im Alltag zu beschäftigen, denn sonst fehlen einem die Struktur und der Halt im Leben. Meine Mama hat immer gesagt: „Es kann einem nie langweilig werden, denn es gibt immer genug zu tun.“ Und da hat sie recht behalten. Ablenkung und Struktur sind sehr wichtig, genauso wie die bewusste Auseinandersetzung mit dem Verlust, indem man zum Beispiel auf den Friedhof geht. Dort erzähle ich Mama auch von meinem Leben, so wie früher, und hoffe, dass sie mich hört.
Theres: Welche Rolle spielt die Erinnerung an deine Mama heute für dich, in deinem Leben, in deinem Alltag, in deinem Herzen?
Margarita: Meine Mama war eine unglaubliche Inspiration und Kraftquelle für mich und die Menschen in ihrem Umfeld. Ich versuche, ihr gerecht zu werden und ihre Werte weiterzutragen, da ein Teil von ihr immer in mir weiterleben wird. Wenn es mir zum Beispiel schwerfällt, mich um mich selbst zu kümmern, denke ich daran, dass sie in ihren schlimmsten Momenten noch an ihre Gesichtscreme gedacht hat, um ihrem Gesicht Feuchtigkeit zu spenden, oder sich die Augenbrauen gezupft hat, als sie vom Krankenwagen abgeholt wurde. Wenn sie das in so einem Zustand konnte, dann muss ich es schaffen, wenigstens die alltäglichen Selbstfürsorge-Rituale zu meistern.
Theres: Gibt es etwas, das dir neue Kraft schenkt, vielleicht ein Gedanke, ein Bild oder ein Satz, den du dir immer wieder sagst?
Margarita: Ich versuche, daran zu denken, dass ich sie eines Tages, wenn ich an der Reihe bin (hoffentlich erst ganz spät), wiedersehen kann. Dann möchte ich ihr von meinem Leben erzählen, das ich in Würde gelebt habe, damit wir auch wieder etwas zum Lachen haben. Drei Wochen vor ihrem Tod hat sie mir eine Nachricht zu meinem Geburtstag geschrieben, in der sie all ihre Wünsche an mich festgehalten hat, darunter auch den Wunsch, dass ich stark bleiben soll. Diesen Satz sage ich mir immer wieder, wenn ich merke, dass ich zerbreche, und er wird mich für immer tragen.
Was hilft, wenn die Mutter gestorben ist: Margaritas Worte an andere
Theres: Wenn andere Menschen, die Ähnliches erleben, deine Worte lesen: Was würdest du ihnen gerne mitgeben, damit sie sich weniger allein fühlen?
Margarita: Ich selbst habe sehr stark damit zu kämpfen, dass ich es als so wahnsinnig unfair empfinde, meine Mama so früh verloren zu haben. Niemand in meinem Umfeld hat diese Situation erlebt und kann mich verstehen, aber mit der Zeit merkt man, dass man eben nicht allein ist, sondern dass es ganz viele Menschen gibt, die Ähnliches durchmachen. Man sieht es ihnen nur nicht an. Früher oder später wird jeder damit konfrontiert, und es hilft, wenn man für sich selbst da ist, wenn man im näheren Umfeld niemanden hat, der einen unterstützt. Sei dir selbst die Hilfe, die du dir von anderen wünschst.
Mir hilft es, mich auf meine Ziele und Träume zu fokussieren und sie umzusetzen. Sport ist auch sehr gut für die Psyche und den Körper, da man wieder zurück zu sich selbst findet.
Wie Freund:innen Trauernde wirklich unterstützen können
Theres: Was würdest du Menschen sagen, die gerade jemanden im Umfeld haben, der oder die durch eine ähnliche Situation geht wie du? Wie können sie in dieser Zeit wirklich da sein und unterstützen?
Margarita: Menschen in meinem Umfeld haben mir nach der Beerdigung gesagt, dass sie für mich da sind und ich mich melden soll, sobald ich etwas brauche. Das Interesse an mir hat aber nach zwei Wochen stark nachgelassen, sodass ich gemerkt habe, dass das Leben für die anderen Menschen weitergeht und sie nicht mehr nach mir sehen. Da ich aber keine Person bin, die aktiv auf andere Menschen zugeht, um nach Hilfe zu fragen, vor allem, weil ich nicht einmal weiß, wie ich formulieren soll, was ich genau an Hilfe brauche, kann ich nur den folgenden Tipp geben:
Wenn jemand in eurem Umfeld eine geliebte Person verloren hat, dann geht bitte auf diese Person zu und bietet konkrete Hilfe an, sei es, etwas zu essen zu kaufen, eine gemeinsame Aktivität vorzuschlagen oder sich zu treffen und der Person zu erlauben, alle Gefühle einmal rauszulassen. Die vermeintlich kleinen Dinge werden dann plötzlich so wichtig, denn man vergisst in der Trauer schnell, mal eben einkaufen zu gehen, sich etwas Leckeres zu kochen oder ins Kino zu gehen. Zeigt einfach, dass euren Worten auch Taten folgen. Das ist unglaublich viel wert in so einer schweren Zeit.
Wie sich Trauer um die Mutter körperlich und seelisch anfühlt
Theres: Wie erlebst du die Trauer körperlich oder seelisch? Gibt es Momente, in denen sie dich unerwartet überrollt?
Margarita: Anfangs war es natürlich schwer, zu schlafen, gesund zu essen, zu arbeiten und Auto zu fahren. Ich konnte mich auf nichts fokussieren und war auf die Hilfe meiner Mitmenschen angewiesen. Mittlerweile wird es besser, aber seelisch gibt es definitiv einige Momente, die mich total in meine Trauer zurückversetzen. Bei uns zu Hause hängen noch Familienfotos, auf denen meine Mama mit drauf ist, und es ist verdammt schwer, diese Bilder anzuschauen, wo sie noch gelacht hat und wir eine schöne und glückliche Familie waren, weil wir es nie wieder so sein können.
Auch wenn ich andere Töchter in meinem Alter oder älter mit ihren Müttern auf der Straße oder im Internet sehe, empfinde ich eine Art Neid, da ich nie wieder mit meiner Mama so zusammen sein kann, wie sie es können. Daran möchte ich noch arbeiten, denn ich war nie eine Person, die Neid auf andere Menschen empfunden hat. Was ich in dieser Zeit gelernt habe: Trauer folgt keinem festen Ablauf und keinem Zeitplan. Sie kommt in Wellen, mal leiser, mal lauter.
Trauerbegleitung vor und nach dem Tod der Mutter
Antizipatorische Trauer: Wenn der Abschied vor dem Tod beginnt
Theres: Was hat dich in deiner Trauer dazu bewegt, dir Unterstützung zu suchen, und wann hast du mit mir begonnen, deiner Trauer Raum zu geben?
Margarita: Ich bin eigentlich ein Mensch, der versucht, alles allein zu lösen, und sich selten Hilfe holt. Aber als ich gemerkt habe, dass meine Mama bald sterben wird, wusste ich, dass ich das nicht allein schaffen kann (und möchte). Schon seit der Diagnose meiner Mama befand ich mich in antizipatorischer Trauer und habe das mit mir allein ausgemacht, wodurch ich der Trauer an sich jedoch keinen wirklichen Raum geben konnte. Ich denke, wir können alles schaffen, was wir wollen, aber manchmal müssen wir es nicht allein tun, vor allem, wenn es um den Tod eines geliebten Menschen geht. Gott sei Dank bin ich dann auf dich aufmerksam geworden und konnte mich schon vor dem eigentlichen Tod meiner Mutter mit dir austauschen.
Wie sich Trauerbegleitung anfühlt
Theres: Wie hast du unser erstes Kennenlernen erlebt?
Margarita: Ich habe mich gemeldet, und ich glaube, du hast mich noch am selben Tag angerufen. Zuerst fand ich deine Stimme total angenehm und beruhigend. Ich habe gleich gespürt, dass du die Person bist, der ich mich anvertrauen kann und von der ich mich in dieser schweren Zeit getragen fühle. Wir haben uns total gut verstanden, und obwohl ich vor dem Anruf und anfangs auch noch total emotional aufgeladen war und sehr stark geweint habe, habe ich nach unserem Telefonat eine Leichtigkeit verspürt, die ich so lange nicht mehr erlebt hatte. Nach einem längeren ersten Kennenlernen hast du schon eine Vertrauensbasis für uns beide geschaffen, und ich konnte es kaum erwarten, das nächste Mal mit dir zu sprechen.
Theres: Wenn dich jemand von außen fragen würde: Wie würdest du die Trauerbegleitung mit mir beschreiben?
Margarita: Tatsächlich ist das nicht nur eine hypothetische Frage, sondern ich werde öfter gefragt, wie ich mich durch meine Trauerbegleitung bei dir fühle, und um es kurz zu fassen: einzigartig. Du begleitest mich nun seit knapp drei Monaten, und in dieser Zeit habe ich so viel Leid und Schmerz erlebt. Doch die Begleitung hilft mir dabei, dass es erträglicher wird. Wir reden jedes Mal über ganz neue Themen, sodass ich nach jeder Stunde mit neuen Impulsen und Anregungen herausgehe, die ich zuvor, in meinem von Trauer eingeschränkten Sichtfeld, nicht erkennen konnte.
Die Begleitung ist sehr verständnisvoll, empathisch, herzlich und inspirierend. Da ich mich nicht nur im Schmerz aufhalten möchte, sondern versuchen will, mein Leben, so gut wie es in so einer Situation überhaupt möglich ist, weiterzuleben, bist du die richtige Person für mich. Natürlich gibt es auch sehr traurige Momente, in denen ich mich mit meinem Schmerz auseinandersetzen muss, aber das müssen wir alle, sonst würden wir die Trauer nur zeitlich verschieben.
Theres: Welche Wünsche für dein Leben kannst du durch die Begleitung herausarbeiten oder klarer für dich sehen?
Margarita: Ich merke nach jedem Telefonat, dass ich in meinem Leben weitergehen will und nicht nur stehen bleiben möchte. Denn ich will mir mein Leben nicht von meiner Trauer diktieren lassen, sondern selbst bestimmen, wann und wie ich trauere. Ich möchte so gut wie es geht mein normales Leben weiterleben, denn am Ende des Tages kann ich nichts daran ändern, dass meine Mama physisch nicht mehr bei mir sein kann. Sie hätte aber gewollt, dass ich stark bleibe und mein Leben so gut es geht weiterführe. Dabei hilft mir die Begleitung durch dich sehr.
Was Margaritas Geschichte über die Trauer um die Mutter zeigt
Trauer beginnt oft schon vor dem Tod. Margarita trauerte seit der Diagnose ihrer Mama. Diese vorweggenommene, antizipatorische Trauer ist real, und Begleitung kann schon in dieser Zeit helfen, nicht erst danach.
Konkrete Hilfe wirkt mehr als „Melde dich jederzeit“. Nach zwei Wochen wurde es still um sie. Was geholfen hätte: jemand, der einkaufen geht, anruft oder einen Kinoabend vorschlägt. Mehr dazu in Trauernde unterstützen: Was du sagen und konkret tun kannst.
Trauer kommt in Wellen. Familienfotos, andere Töchter mit ihren Müttern, der Kaffee am Morgen: Die Trauer kommt unerwartet zurück, mal leiser, mal lauter. Warum das kein Rückschritt ist, erkläre ich in Trauerphasen: Die 5 Phasen und warum Trauer nicht linear verläuft.
Welche psychischen Folgen der Tod der Mutter haben kann und was hilft, liest du in Tod der Mutter: Psychische Folgen und was helfen kann. Wie es ist, beide Eltern zu verlieren, erzählt Nadja in ihrem Interview über den Verlust beider Eltern.
Vielleicht erkennst du dich in manchen Gefühlen wieder. Vielleicht trauerst du selbst um einen geliebten Menschen. Dann darfst du wissen: Du bist nicht allein, und es darf Räume geben, in denen alles, was dich bewegt, Platz hat.
Häufige Fragen zur Trauer um die eigene Mutter
Wie lange dauert es, den Tod der eigenen Mutter zu verarbeiten?
Es gibt keine feste Dauer und keinen Zeitplan dafür. Manche Menschen erleben intensive Trauer über Monate, andere über Jahre, und beides ist normal. Wichtiger als die Zeitspanne ist, sich selbst diesen Weg zuzugestehen, ohne ihn mit dem Erleben anderer zu vergleichen.
Gibt es Unterstützung bei antizipatorischer Trauer, wenn ein Angehöriger noch lebt, aber schwer krank ist?
Ja. Diese Form von Trauer heißt antizipatorische oder vorweggenommene Trauer und entsteht schon vor dem eigentlichen Abschied, wenn ein geliebter Mensch schwer erkrankt oder sterbend ist. Ich begleite Menschen in genau dieser Situation, zum Beispiel um offene Fragen zu klären, mit Ängsten und Schuldgefühlen umzugehen oder die verbleibende Zeit bewusster zu gestalten.
Ist es normal, Neid zu empfinden, wenn ich andere mit ihrer Mutter sehe?
Ja, das ist eine sehr menschliche Reaktion und kein Grund, sich schlecht zu fühlen. Neid in der Trauer entsteht oft nicht aus Missgunst, sondern aus dem Schmerz über das eigene Fehlen. Mit der Zeit verändert sich dieses Gefühl meist.
Warum lässt die Unterstützung aus dem Umfeld nach der Beerdigung so schnell nach?
Das liegt selten an mangelndem Mitgefühl, sondern daran, dass der Alltag für alle anderen weitergeht, während die trauernde Person noch mitten im Verlust steckt. Es hilft, um konkrete Hilfe zu bitten, statt darauf zu warten, dass sie angeboten wird.
Muss ich professionelle Trauerbegleitung in Anspruch nehmen, oder reicht es, mit Familie und Freund:innen zu sprechen?
Es gibt kein Muss. Manche Menschen finden in ihrem Umfeld genug Halt, andere profitieren zusätzlich von einer Begleitung, gerade weil sie dort offen sprechen können, ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer. Beides kann nebeneinander bestehen.
Deine Mutter ist schwer krank oder schon gestorben? Trauerbegleitung unterstützt dich vor und nach dem Verlust. In unserer Trauergruppe zum Verlust von Mutter oder Vater triffst du Menschen, die verstehen, was du erlebst.
Theres Kirisits ist zertifizierte Trauerbegleiterin und Gründerin von t.rau*raum. Sie bietet Trauerbegleitung und Trauergruppen online an, auf Deutsch oder Englisch, auch am Wochenende oder an Feiertagen, mit einem ersten Termin innerhalb von 48 Stunden. Außerdem gibt sie Workshops zu Trauer am Arbeitsplatz. Mehr über Theres


Dieser Beitrag hat mich sehr berührt. Ich habe meine eigene Mama verloren, und dieser Schmerz hat mein ganzes Leben verändert. Nichts fühlt sich mehr so an wie vorher. Margaritas Worte, besonders darüber, wie man morgens aufwacht und den Kaffee plötzlich allein trinkt, haben mich zutiefst getroffen. Danke, dass du diesen Raum schaffst, in dem solche Geschichten erzählt werden dürfen.
Ich kann so vieles davon nachvollziehen. Meine Mama ist erst vor einer Woche gestorben, und vieles, was ich hier gelesen habe, fühlt sich gerade sehr vertraut an. Danke für diesen ehrlichen und berührenden Beitrag. Ich wäre sehr gerne bei deiner nächsten Trauergruppe dabei und habe mich gerade für deinen Newsletter angemeldet.