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Trauer im Job: Darf hier überhaupt getrauert werden?

Autorenbild: Theres Kirisits
Theres Kirisits
5. Okt. 2025
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Sept.

Kurz gesagt: Ja, du darfst im Job trauern. Du musst niemandem vorspielen, dass alles gut ist. Meist hilft es, deiner Führungskraft kurz zu sagen, was passiert ist, was du in den nächsten Wochen brauchst und worüber du lieber nicht sprechen möchtest. Trauer geht mit an den Arbeitsplatz, ob wir darüber sprechen oder nicht.

Was passiert, wenn niemand darüber spricht

Wenn ein geliebter Mensch stirbt oder eine lebensverkürzende Diagnose bekannt wird, bricht die Welt für die Betroffenen in einem Moment zusammen. Vielleicht ist es ein Kind, eine Schwester, deine Mutter oder dein Vater, ein Partner oder jemand, mit dem du dein Leben geteilt hast. Erinnerungen, Rituale, Alltägliches: Alles existiert plötzlich nur noch im Inneren.


Und dann kommt der Alltag zurück. Die Mails, Meetings, Deadlines, Geburtstagsgrüße. Die Welt dreht sich weiter, während die eigene stillsteht. Trauer lässt sich nicht planen. Sie passt in keine Kaffeepause und in keinen Report. Trotzdem wird von vielen erwartet, dass sie funktionieren.

Wie gehst du damit um, wenn jemand im Team trauert? Wie würdest du dir wünschen, dass mit dir umgegangen wird, wenn du selbst betroffen bist?
Handgeschriebenes Zitat zum Thema Trauer am Arbeitsplatz auf hellem Hintergrund

Wenn Leistung wichtiger ist als Menschlichkeit

Ich habe lange überlegt, ob ich meine persönliche Erfahrung teilen möchte. Elf Jahre war ich bei Booking.com angestellt, habe in unterschiedlichen Teams, Ländern und Rollen gearbeitet. Es war eine wertvolle, lehrreiche und prägende Zeit. Und doch gab es immer wieder Momente, in denen ich mich fragte: Wer darf ich als Mensch in der Arbeit eigentlich sein?


Über Urlaube, Hochzeiten oder Kinder wurde viel gesprochen. Doch sobald Themen wie Einsamkeit, Trennung, Krankheit oder Tod auftauchten, hieß es schnell: „Das ist privat.“ Als ich erwähnte, dass ich eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Familienbegleiterin im Kinderhospiz mache, wurde mir gesagt: „Das ist zu traurig, das zieht die Stimmung runter.“ Oder alle wurden still, wenn ich davon sprach. Mit der Zeit habe ich deshalb aufgehört, von mir zu erzählen.


Ab diesem Moment begann ich zu hinterfragen, was Menschlichkeit am Arbeitsplatz eigentlich bedeutet.

Wann haben wir aufgehört, auch das Schwere miteinander zu teilen? Und was macht es mit uns, wenn wir so tun, als sei Arbeit ein Ort, an dem Gefühle keinen Platz haben?

Eine Million Gründe, endlich hinzuschauen

In Deutschland sterben jedes Jahr rund eine Million Menschen (Statistisches Bundesamt). Ein erheblicher Teil der Hinterbliebenen steht mitten im Berufsleben: Kolleg:innen, Eltern, Partner:innen, Freund:innen.

Können wir uns bei diesen Zahlen wirklich noch einreden, dass Trauer „privat“ ist? Glauben wir, dass Menschen ihren Schmerz morgens an der Bürotür abgeben und als perfekt funktionierende Version ihrer selbst hereinkommen?

Trauer geht mit an den Arbeitsplatz, ob wir darüber sprechen oder nicht. Manche tragen eine Fassade, andere halten sich an der Arbeit fest, um nicht zu zerbrechen.


Und auch das gehört dazu: die Trauer nach einer Fehlgeburt oder stillen Geburt. Ein Verlust, der oft unsichtbar bleibt, weil kaum jemand darüber spricht. Viele kehren viel zu früh an den Arbeitsplatz zurück, aus Pflichtgefühl, aus Angst, als „nicht belastbar“ zu gelten, oder sogar aus Angst, den Job zu verlieren. Dabei tragen sie eine Leere in sich, die weder gesehen noch benannt wird. Diese Trauer ist genauso real und verdient denselben Raum. Mehr dazu in Trauer nach Fehlgeburt.


Wenn wir als Gesellschaft und als Unternehmen anerkennen, dass Trauer Teil des Lebens ist, verstehen wir: Sie gehört zu uns allen. Heute betrifft sie vielleicht deine Kolleg:innen, morgen dich.


So sagst du deiner Führungskraft, dass jemand gestorben ist

Du musst nicht alles erzählen. Aber ein paar Sätze können viel Druck herausnehmen, weil dein Umfeld dann einordnen kann, warum du gerade weniger belastbar bist. Zum Beispiel:


  • Kurz per Mail: „Meine Mutter ist am Wochenende gestorben. Ich bin bis Mittwoch nicht erreichbar und melde mich danach.“

  • Im Gespräch: „Ich habe einen schweren Verlust erlebt. Ich möchte arbeiten, brauche aber in den nächsten Wochen etwas Flexibilität.“

  • Grenzen setzen: „Ich möchte im Team nicht darüber sprechen. Bitte gib nur weiter, dass ich einen Trauerfall hatte.“


Du darfst auch sagen, was dir hilft: kürzere Tage, Homeoffice, weniger Kundentermine, eine feste Ansprechperson.


Wenn die Konzentration nicht reicht

Viele Trauernde erschrecken, wie schwer ihnen die Arbeit plötzlich fällt. Sätze müssen dreimal gelesen werden, Termine geraten in Vergessenheit, einfache Aufgaben kosten enorm viel Kraft. Das ist keine Schwäche, sondern eine normale Trauerreaktion: Dein Gehirn braucht gerade viel Kapazität für den Verlust. Mehr dazu in Körperliche Symptome bei Trauer.


Was helfen kann:


  • Listen statt Gedächtnis: Schreib alles auf, auch Kleinigkeiten.

  • Wichtige Entscheidungen verschieben, wenn es möglich ist.

  • Pausen einplanen, bevor du sie dringend brauchst.

  • Anstrengende Aufgaben auf deine besten Tageszeiten legen.


Deine erste Woche zurück im Job

  • Überlege vorher, was du Kolleg:innen sagen möchtest, und was nicht.

  • Bitte deine Führungskraft um ein kurzes Rückkehrgespräch.

  • Starte, wenn möglich, mit reduzierten Stunden.

  • Such dir einen ruhigen Ort, an den du dich zurückziehen kannst, wenn eine Welle kommt.

  • Rechne damit, dass es gute und schlechte Tage gibt. Beides ist normal.


Fortbildungen für alles, außer für Mitgefühl

In meiner Zeit im Unternehmen habe ich unzählige Trainings besucht: Feedback, Leadership, Zeitmanagement, Sales, Präsentationstechniken. Aber nie eines zum Thema Trauer am Arbeitsplatz.


Warum? Weil das Thema unbequem ist. Und genau diese Unbequemlichkeit zeigt, dass es höchste Zeit ist, hinzuschauen.


Ein einziger Workshop im Jahr, der Führungskräften und Teams Orientierung gibt, würde bereits einen Unterschied machen, bevor der Ernstfall eintritt. Denn eines ist sicher: Er wird eintreten. Menschen werden Angehörige verabschieden, sie tun es bereits, nur spricht kaum jemand darüber. Kolleg:innen werden sterben. Und die Art, wie Unternehmen reagieren, entscheidet, ob Vertrauen wächst oder zerbricht.


Das Schweigen nach dem Tod einer Kollegin

Zwei Monate bevor ich das Unternehmen verließ, starb eine Kollegin, mit der ich viele Jahre zusammengearbeitet hatte. Ich erfuhr es über Facebook, während ich im Urlaub auf Hawaii war, nicht von meinem Manager. Seine Begründung: Er wollte mich „nicht stören“. Dieser Satz hat mich tief getroffen. Denn er zeigte, wie unvorbereitet viele Unternehmen sind, wenn es um Trauer geht.


Später wurde eine Psychologin engagiert, um das Team in einem einzigen Online-Treffen zu begleiten. Ich selbst, damals schon als Trauerbegleiterin tätig, bot meine Unterstützung an, doch mein Angebot wurde abgelehnt. Ein virtuelles Gedenktreffen fand statt, aber viele, die eng mit ihr gearbeitet hatten, wurden nicht eingeladen. Die Stimmung war bedrückt, und kurz darauf wurde das Thema stillschweigend beendet.


Da wusste ich: Ich möchte an einem Ort arbeiten, an dem Menschlichkeit nicht endet, wenn jemand stirbt. Ich möchte, dass Trauer und Anerkennung einen Platz bekommen.


Menschen wie meine Kollegin, die so viel geben und Privates zurückstellen, um Dinge möglich zu machen, tragen oft wesentlich zum Erfolg eines Unternehmens bei. Sie bringen Wissen, Zeit und Loyalität ein und verdienen Wertschätzung, nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch über den Tod hinaus. Und etwas Entscheidendes wird oft übersehen: Mitarbeitende beobachten sehr genau, was passiert, wenn jemand im Unternehmen stirbt oder wie mit jemandem umgegangen wird, der einen geliebten Menschen verabschiedet hat. Sie spüren, ob Anteilnahme echt ist oder ob lieber geschwiegen wird. Im besten Fall entsteht Vertrauen. Im schlimmsten Fall entsteht Distanz und die Frage: Würde es mir hier genauso gehen?

Wie gehst du mit dem Tod in deinem Team um? Was brauchen Menschen, um in solchen Momenten nicht zu verstummen? Und was sagt unser Umgang mit Trauer über die Unternehmenskultur aus?

Warum sich Menschlichkeit auch wirtschaftlich lohnt

Unternehmen investieren Zeit und Geld in ihre Mitarbeitenden, in Trainings, Recruiting, Leadership. Doch wenn ein Mensch in einer Krise allein gelassen wird, verliert das Unternehmen weit mehr als Produktivität: Vertrauen, Loyalität und Menschlichkeit.


Wer jahrelang Engagement, Wissen und Herz in seine Arbeit gesteckt hat, möchte in schwierigen Zeiten nicht auf Funktionalität reduziert werden. Eine Unternehmenskultur, die Trauer ignoriert, verliert langfristig nicht nur Menschen, sondern ihre eigene Glaubwürdigkeit. Wie Unternehmen konkret vorgehen können, beschreibe ich in Trauer am Arbeitsplatz: Wie Unternehmen trauernde Mitarbeitende unterstützen können.


Trauerkultur beginnt nicht im Ernstfall, sondern heute

Aus all diesen Erfahrungen ist mein Online-Kurs trauer@work entstanden. Er zeigt, wie Unternehmen und Führungskräfte Trauer verstehen, begleiten und in ihre Kultur integrieren können: professionell, menschlich und alltagstauglich.


Warum es sich lohnt, das Thema aktiv anzugehen:


  • Ansprechperson im Team: Nach dem Kurs bist du in deiner Rolle als Personalverantwortliche:r eine vertrauensvolle Ansprechperson, die Orientierung gibt und ein unterstützendes Miteinander stärkt.

  • Präventiv handeln: Wie in einem Erste-Hilfe-Kurs lernst du klare Leitlinien für den Umgang mit Trauerfällen. So entstehen Strukturen, die Sicherheit geben.

  • Handlungsfähig im Ernstfall: Wie spricht man das Thema an? Wie kann man helfen? Nach dem Kurs weißt du, wie du respektvoll reagierst und Betroffenen zur Seite stehst.

  • Wiedereingliederung: Du lernst, wie du Betroffene beim Wiedereinstieg sensibel begleitest, Bedürfnisse erkennst und für eine unterstützende Arbeitsumgebung sorgst.


Das Wissen aus dem Kurs wirkt weit über den Arbeitsplatz hinaus, auch im privaten Umfeld, bei Kolleg:innen, Freund:innen oder in der Familie.


Als Gründerin von t.rau*raum verbinde ich über elf Jahre internationale Business-Erfahrung mit meiner Arbeit als Trauerbegleiterin, Meditationslehrerin und ehrenamtliche Familienbegleiterin im Kinderhospiz. Diese Kombination ermöglicht es mir, konkrete Lösungen für eine menschliche und zugleich professionelle Trauerkultur in Unternehmen zu schaffen. Warum Trauer so unterschiedlich aussieht, erkläre ich in Trauerphasen: Die 5 Phasen und warum Trauer nicht linear verläuft.


Fazit: Trauer braucht Platz, auch zwischen Mails und Meetings

Trauer ist keine Störung im System, sondern Teil unseres Menschseins. Sie erinnert uns daran, dass Arbeit nicht nur aus Zielen besteht, sondern auch aus Beziehungen. Wenn wir den Mut haben, Trauer am Arbeitsplatz sichtbar zu machen, schaffen wir Raum für Schmerz, aber auch für Mitgefühl, Vertrauen und echte Verbindung.


Wenn du selbst trauerst und im Job gerade kaum noch weißt, wie du durch den Tag kommst: Du musst das nicht allein schaffen. Wenn du Kolleg:innen unterstützen möchtest, findest du Anregungen in Trauernde unterstützen: Was du sagen und konkret tun kannst.


Wenn du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir bitte sofort Hilfe: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (rund um die Uhr), im Notfall 112.


Häufige Fragen zu Trauer im Job

Darf ich am Arbeitsplatz zeigen, dass ich trauere?

Ja, das darfst du. Es gibt keine Regel, die verbietet, Trauer am Arbeitsplatz sichtbar zu machen. Viele fühlen sich trotzdem unsicher, weil offene Trauer im Berufsleben selten vorgelebt wird.


Muss ich meinem Arbeitgeber sagen, dass jemand gestorben ist?

Nein, du bist dazu nicht verpflichtet. Es kann aber helfen, kurz Bescheid zu geben, damit dein Umfeld deine Situation einordnen kann und du nicht ständig erklären musst, warum du weniger belastbar bist.


Wie viele Tage bekomme ich frei, wenn jemand stirbt?

Das hängt vom Verwandtschaftsgrad und von Arbeits- oder Tarifvertrag ab. Häufig sind es ein bis zwei Tage bezahlte Freistellung bei nahen Angehörigen. Wenn du mehr Zeit brauchst, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt über eine Krankschreibung.


Was, wenn meine Führungskraft nicht weiß, wie sie reagieren soll?

Das ist sehr häufig und meist kein böser Wille, sondern fehlende Erfahrung. Ein offenes Gespräch darüber, was du konkret brauchst, hilft oft mehr, als darauf zu warten, dass die richtige Reaktion von selbst kommt.


Zählt auch die Trauer nach einer Fehlgeburt als Trauer am Arbeitsplatz?

Ja, ausdrücklich. Diese Trauer bleibt oft unsichtbar, weil kaum darüber gesprochen wird, ist aber genauso real und verdient denselben Raum wie jeder andere Verlust.


Du trauerst und musst trotzdem arbeiten? Eine Trauerbegleitung passt sich deinem Alltag an, online und auch am Abend oder Wochenende. Für HR und Führungskräfte: trauer@work für Unternehmen.


Theres Kirisits ist zertifizierte Trauerbegleiterin und Gründerin von t.rau*raum. Sie bietet Trauerbegleitung und Trauergruppen online an, auf Deutsch oder Englisch, auch am Wochenende oder an Feiertagen, mit einem ersten Termin innerhalb von 48 Stunden. Außerdem gibt sie Workshops zu Trauer am Arbeitsplatz. Mehr über Theres

4 Kommentare


Werner
05. Okt. 2025

So voller Tiefe Theres,best berührend dein Beitrag, welche schöne Worte und Zeilen,bddieie genau den Punkt treffen, dieses Thema so abzubilden., mit Gefühl und Empathie verfasst. Braviz. GLG

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Theres Kirisits
Theres Kirisits
06. Okt. 2025
Antwort an

Lieber Werner,


mir ist es wichtig, klar und deutlich zu benennen, was mir auffällt. Wegsehen tun schon genug Menschen. Auch wenn es manchmal intensiv und anstrengend ist, weil mir öfter nicht zugehört wird. Ich bleibe dran. Menschen wie du tun mir dabei gut. Du siehst und erkennst, was ich tue, und dafür bin ich dir sehr dankbar.


Liebe Grüße

Theres

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Noah
05. Okt. 2025

Danke für diesen tiefgehenden und wichtigen Beitrag, Theres! Es berührt mich sehr, wie präzise und ehrlich du beschreibst, wie allgegenwärtig Trauer ist. Ich glaube, dein Artikel öffnet einen längst überfälligen Raum - für Verständnis, für Mitgefühl und dafür, dass wir Menschen unsere Gefühle nicht an der Bürotür abgeben müssen.

Besonders bemerkenswert finde ich deine Aussage, dass Trauer nicht nur etwas Privates ist, sondern Teil unserer Lebensrealität, und dass Unternehmen, die sie anerkennen und Raum dafür schaffen, nicht etwa Schwäche zeigen, sondern Verantwortung übernehmen.

Ich wünsche mir, dass mehr Arbeitsplätze eine Kultur entwickeln, in der es selbstverständlich ist, auch einmal eine Pause zu machen - nicht nur körperlich, sondern seelisch.

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Theres Kirisits
Theres Kirisits
05. Okt. 2025
Antwort an

Lieber Noah,

vielen Dank für deine Worte und dafür, dass du dir die Zeit genommen hast, alles so aufmerksam zu lesen.

Ich stimme dir vollkommen zu und hoffe, dass durch jede einzelne Initiative mehr Sichtbarkeit und Verständnis entsteht. Falls du Interesse hast, meinen Online-Kurs „trauer@work" in dein Unternehmen zu integrieren, melde dich gerne jederzeit bei mir. Theres

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