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Trauer nach schwieriger Beziehung zu Mutter oder Vater

Autorenbild: Theres Kirisits
Theres Kirisits
23. Aug.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Sept.

Kurz gesagt: Wenn du um deine Mutter oder deinen Vater trauerst und die Beziehung schwierig, distanziert oder sogar verletzend war, ist deine Trauer trotzdem echt, auch wenn sie sich ganz anders anfühlt als bei anderen. Diese Form heißt ambivalente Trauer: ein Gemisch aus Verlust, Erleichterung, Wut, Schuld und Trauer um das, was nie war. Es gibt dafür keine feste Regel und kein falsches Gefühl.

Eine Hand hält eine alte Fotografie, ein stiller Moment des Erinnerns in der Trauer

Viele Menschen, die zu mir kommen, fragen mit gesenktem Blick: „Ist es schlimm, dass ich auch erleichtert bin?“ Nein, das ist es nicht. Genau darum geht es in diesem Artikel.


Was ist ambivalente Trauer?

Ambivalente Trauer beschreibt das gleichzeitige Vorhandensein widersprüchlicher Gefühle gegenüber einem verstorbenen Menschen: Liebe und Wut, Verlust und Erleichterung, Sehnsucht und Groll. Anders als bei einer harmonischen Beziehung, in der Trauer meist vor allem Schmerz über das Fehlen ist, trauern Menschen mit einer schwierigen Beziehung zu Mutter oder Vater oft um zwei Dinge gleichzeitig: um den realen Menschen, der gestorben ist, und um die Bindung, die sie sich gewünscht, aber nie bekommen haben.


Diese zweite Ebene wird häufig übersehen, vom Umfeld und von den Betroffenen selbst. Man trauert nicht nur um einen Menschen, sondern auch um eine verpasste Möglichkeit.


Warum diese Form der Trauer oft unsichtbar bleibt

Der amerikanische Trauerforscher Kenneth Doka prägte den Begriff „disenfranchised grief“, auf Deutsch etwa nicht anerkannte Trauer. Gemeint ist Trauer, die das Umfeld nicht als „echt“ oder „angemessen“ wahrnimmt, weil die Beziehung nicht in ein gesellschaftliches Raster passt.


Bei einer schwierigen Beziehung zu Mutter oder Vater erleben viele genau das: Das Umfeld erwartet selbstverständliche Trauer („Es war doch deine Mutter“, „Es war doch dein Vater“), ohne die Realität der Beziehung zu kennen. Wer dann auch Erleichterung, Distanz oder sogar Gleichgültigkeit spürt, fühlt sich schnell falsch oder undankbar, obwohl diese Gefühle völlig legitim sind.


Typische Gefühle bei ambivalenter Trauer

  • Trauer um die tatsächliche Person, trotz allem

  • Trauer um die Beziehung, die es hätte sein können, aber nie war

  • Erleichterung, dass ein belastender Konflikt oder eine dauerhafte Anspannung endet

  • Schuldgefühle wegen genau dieser Erleichterung

  • Wut, manchmal erst nach dem Tod, wenn ein Gespräch nicht mehr möglich ist

  • Verwirrung, weil mehrere dieser Gefühle gleichzeitig da sind und sich zu widersprechen scheinen

  • Taubheit, weil die Gefühle so widersprüchlich sind, dass zunächst gar nichts zu spüren ist


Keines dieser Gefühle schließt die anderen aus. Du musst dich nicht für eines entscheiden. Wenn du vor allem Leere spürst, findest du mehr dazu in Nichts fühlen nach einem Todesfall: Emotionale Taubheit.


Trauer um das, was nie war

Oft ist der schwerste Teil nicht der Tod selbst, sondern das endgültige Ende einer Hoffnung. Solange Mutter oder Vater lebten, gab es vielleicht noch die leise Möglichkeit, dass sich etwas ändert: ein Gespräch, eine Entschuldigung, ein Moment echter Nähe. Mit dem Tod ist diese Möglichkeit vorbei. Um diese Hoffnung zu trauern, ist genauso berechtigt wie die Trauer um den Menschen selbst.


Warum Schuldgefühle so häufig sind

Schuldgefühle entstehen oft aus dem Vergleich mit einem gesellschaftlichen Ideal: der liebevollen, harmonischen Eltern-Kind-Beziehung, die in vielen Erzählungen als Norm gilt. Wenn deine Realität anders aussah, entsteht schnell das Gefühl, etwas „falsch“ gemacht zu haben, in der Beziehung oder jetzt in der Trauer.


Es hilft, dir klarzumachen: Eine schwierige Beziehung zu deiner Mutter oder deinem Vater ist nicht dein Versagen. Kinder tragen keine Verantwortung dafür, wie ihre Eltern sich ihnen gegenüber verhalten haben, weder in der Kindheit noch im Erwachsenenalter. Diese Klarheit nimmt oft schon einen Teil des Drucks.


Beerdigung und Familie: Grenzen setzen

Rund um die Beerdigung prallen Erwartungen besonders stark aufeinander. Verwandte erwarten vielleicht, dass du eine Rede hältst, sichtbar trauerst oder dich um alles kümmerst. Vielleicht willst du gar nicht hingehen, oder nur kurz.


  • Du darfst entscheiden, wie viel du tragen kannst. Du kannst zur Beerdigung gehen, ohne zu sprechen, oder dich anders verabschieden, etwa später allein am Grab.

  • Du musst niemandem deine Beziehung erklären. Ein Satz wie „Unsere Beziehung war kompliziert, ich verabschiede mich auf meine Weise“ reicht.

  • Such dir eine Vertrauensperson, die dich an diesem Tag begleitet und weiß, wie es dir wirklich geht.


Wenn ihr keinen Kontakt mehr hattet

Manche Menschen hatten vor dem Tod über Jahre keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter oder ihrem Vater. Die Nachricht vom Tod kommt dann oft von Dritten, manchmal erst Wochen später. Das kann Schock, Erleichterung, Schuld und Trauer gleichzeitig auslösen, und die Frage, ob der Kontaktabbruch „richtig“ war. Ein Kontaktabbruch ist oft ein notwendiger Schutz gewesen. Dass du jetzt trotzdem trauerst, widerspricht dieser Entscheidung nicht.


Du musst dich nicht versöhnen

Nach einem Tod liest man oft, dass „Versöhnung“ oder „Frieden schließen“ das Ziel sei. Das kann für manche stimmen. Für andere ist es eine zusätzliche Last. Du musst nicht vergeben, um gut weiterleben zu können. Es reicht, wenn du einen Umgang mit dem findest, was war, der dich nicht mehr so viel Kraft kostet.


Wie du mit ambivalenter Trauer umgehen kannst

Erlaube dir widersprüchliche Gefühle

Der wichtigste Schritt ist, dir zu erlauben, mehrere, scheinbar widersprüchliche Gefühle gleichzeitig zu haben. Du kannst trauern und erleichtert sein. Das ist keine Untreue gegenüber deiner Mutter oder deinem Vater, sondern ein ehrliches Abbild einer komplexen Beziehung.


Trauere auch um die verpasste Beziehung

Hilfreich kann sein, bewusst auch der Beziehung Raum zu geben, die du dir gewünscht hättest. Das kann durch Schreiben geschehen, durch ein Gespräch in der Trauerbegleitung oder durch ein Ritual, in dem du dir diesen unerfüllten Wunsch eingestehst.


Such dir ein Umfeld, das nicht wertet

Weil diese Trauer von außen oft nicht verstanden wird, ist es besonders wichtig, Menschen oder Begleitung zu finden, die nicht vorschnell urteilen oder erwarten, dass du „normal“ trauerst. Ein Umfeld, das Raum für Widersprüche lässt, entlastet enorm.


Sei geduldig mit dir

Ambivalente Trauer braucht oft länger, weil mehrere Ebenen gleichzeitig verarbeitet werden: der Verlust, die Beziehungsgeschichte und manchmal alte, ungelöste Verletzungen. Das ist kein Zeichen, dass mit dir etwas nicht stimmt, sondern ein Hinweis auf die Komplexität dessen, was du trägst.


Wenn die Beziehung von Missbrauch oder starker Verletzung geprägt war

Bei besonders belastenden Beziehungen, etwa durch emotionalen, körperlichen oder anderen Missbrauch, kann die Trauer noch komplexer sein. Manche Menschen spüren dann vor allem Erleichterung und kaum Trauer, und fühlen sich dafür verurteilt, von sich selbst oder von anderen. Auch das ist eine legitime Reaktion. Du musst niemanden, der dir geschadet hat, so betrauern, wie andere es erwarten. In solchen Situationen ist professionelle Begleitung besonders wertvoll, weil sie einen geschützten Raum bietet, in dem du deine Gefühle ohne Bewertung sortieren kannst.


Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist

Wenn dich die widersprüchlichen Gefühle lähmen, wenn Schuldgefühle überhandnehmen oder wenn du mit niemandem offen über die Realität dieser Beziehung sprechen kannst, kann eine Trauerbegleitung oder therapeutische Unterstützung helfen. Dort darfst du die ganze Bandbreite deiner Gefühle zeigen, ohne dich zu rechtfertigen. Auch in einer Trauergruppe zum Verlust von Mutter oder Vater triffst du oft Menschen, die Ähnliches erlebt haben.


Mehr über den Verlust der Mutter liest du in Tod der Mutter: Psychische Folgen und was helfen kann. Wie es ist, beide Eltern zu verlieren, erzählt Nadja im Interview.


Wenn du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir bitte sofort Hilfe: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (rund um die Uhr), im Notfall 112.


Häufig gestellte Fragen

Ist es normal, erleichtert zu sein, wenn Mutter oder Vater stirbt?

Ja, besonders wenn die Beziehung von Konflikt, Distanz oder Verletzung geprägt war. Erleichterung schließt Trauer nicht aus. Beide Gefühle können gleichzeitig da sein.


Warum fühle ich mich schuldig, obwohl die Beziehung schwierig war?

Schuldgefühle entstehen oft aus dem Vergleich mit gesellschaftlichen Erwartungen an eine „normale“ Eltern-Kind-Beziehung. Sie sagen nichts darüber aus, ob du etwas falsch gemacht hast.


Was ist der Unterschied zwischen typischer und ambivalenter Trauer?

Bei ambivalenter Trauer treten widersprüchliche Gefühle wie Trauer und Erleichterung gleichzeitig auf, oft verbunden mit Trauer um eine Beziehung, die nie so war, wie man sie sich gewünscht hätte.


Muss ich zur Beerdigung gehen, wenn die Beziehung schwierig war?

Nein. Du darfst entscheiden, was du tragen kannst. Manche gehen hin, ohne zu sprechen, andere verabschieden sich später auf ihre eigene Weise. Beides ist in Ordnung.


Muss ich um meine Mutter oder meinen Vater trauern, wenn sie oder er mir geschadet hat?

Nein. Es gibt keine Pflicht zur Trauer in einem bestimmten Ausmaß. Deine Reaktion, ob starke Trauer, Gleichgültigkeit oder vor allem Erleichterung, ist gültig.


Quellen

  1. Wikipedia: Disenfranchised grief

  2. Kenneth J. Doka: „Disenfranchised Grief: Recognizing Hidden Sorrow“


Deine Trauer muss für niemanden Sinn ergeben. In der Trauerbegleitung darf alles da sein: die Trauer, die Erleichterung, die Wut. Schreib mir gern.


Theres Kirisits ist zertifizierte Trauerbegleiterin und Gründerin von t.rau*raum. Sie bietet Trauerbegleitung und Trauergruppen online an, auf Deutsch oder Englisch, auch am Wochenende oder an Feiertagen, mit einem ersten Termin innerhalb von 48 Stunden. Außerdem gibt sie Workshops zu Trauer am Arbeitsplatz. Mehr über Theres

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