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Trauer um die Mutter oder den Vater: Wenn die Beziehung schwierig war

Autorenbild: Theres Kirisits
Theres Kirisits
23. Aug.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Aug.

Eine Hand hält eine alte Fotografie eines geliebten Menschen, ein stiller Moment des Erinnerns und der Verbundenheit in der Trauer.

Wenn die Beziehung schwierig war: Die kurze Antwort

Wenn du um einen Elternteil trauerst, zu dem du eine schwierige, distanzierte oder sogar verletzende Beziehung hattest, ist deine Trauer trotzdem echt, auch wenn sie sich völlig anders anfühlt als das, was du bei anderen siehst. Diese Form der Trauer heißt ambivalente Trauer: ein Gemisch aus Verlust, Erleichterung, Wut, Schuld und Trauer um das, was nie war. Es gibt dafür keine feste Regel und kein falsches Gefühl.


Viele Menschen, die zu mir kommen, sagen mir mit gesenktem Blick: „Ist es schlimm, dass ich auch erleichtert bin?“ Nein, das ist es nicht. Genau darum geht es in diesem Artikel.


Was ist ambivalente Trauer?

Ambivalente Trauer beschreibt das gleichzeitige Vorhandensein widersprüchlicher Gefühle gegenüber einem verstorbenen Menschen: Liebe und Wut, Verlust und Erleichterung, Sehnsucht und Groll. Anders als bei einer harmonischen Beziehung, in der Trauer meist überwiegend aus Schmerz über das Fehlen besteht, trauern Menschen mit schwieriger Elternbeziehung oft gleichzeitig um zwei Dinge: um den realen Menschen, der gestorben ist, und um die Beziehung, die Eltern-Kind-Bindung, die sie sich gewünscht, aber nie bekommen haben.


Diese zweite Ebene wird häufig übersehen, sowohl vom Umfeld als auch von den Betroffenen selbst. Man trauert nicht nur um einen Menschen, sondern auch um eine verpasste Möglichkeit.


Warum diese Form der Trauer oft unsichtbar bleibt

Der amerikanische Trauerforscher Kenneth Doka prägte den Begriff der „disenfranchised grief“, zu Deutsch etwa nicht anerkannte oder gesellschaftlich nicht legitimierte Trauer. Gemeint ist Trauer, die von der Umwelt nicht als „echt“ oder „angemessen“ wahrgenommen wird, weil die Beziehung selbst gesellschaftlich nicht klar in ein Raster passt.


Bei einer schwierigen Eltern-Kind-Beziehung erleben viele Betroffene genau das: Das Umfeld erwartet unhinterfragte Trauer, „es war doch deine Mutter“ oder „es war doch dein Vater“, ohne die eigentliche Beziehungsrealität zu kennen. Wer dann auch Erleichterung, Distanz oder sogar Gleichgültigkeit spürt, fühlt sich schnell falsch oder undankbar, obwohl diese Gefühle völlig legitim sind.


Typische Gefühle bei ambivalenter Trauer

  • Trauer um die tatsächliche Person, trotz allem

  • Trauer um die Beziehung, die es hätte sein können, aber nie war

  • Erleichterung, dass ein belastender Konflikt oder eine dauerhafte Anspannung endet

  • Schuldgefühle wegen genau dieser Erleichterung

  • Wut, manchmal auch erst nach dem Tod, wenn ein direktes Gespräch nicht mehr möglich ist

  • Verwirrung, weil mehrere dieser Gefühle gleichzeitig da sind und sich zu widersprechen scheinen


Keines dieser Gefühle schließt die anderen aus. Du musst dich nicht für eines davon entscheiden.


Warum Schuldgefühle bei dieser Trauer so häufig sind

Schuldgefühle entstehen oft aus dem Vergleich mit einem gesellschaftlichen Ideal: die liebevolle, harmonische Eltern-Kind-Beziehung, die in vielen Erzählungen als Norm gilt. Wenn deine eigene Realität anders aussah, entsteht schnell das Gefühl, etwas „falsch“ gemacht zu haben, entweder in der Beziehung selbst oder jetzt in der Trauer darum.

Es hilft, sich klarzumachen: Eine schwierige Beziehung zu einem Elternteil ist nicht dein Versagen. Kinder tragen keine Verantwortung dafür, wie ihre Eltern sich ihnen gegenüber verhalten haben, weder in der Kindheit noch im Erwachsenenalter. Diese Klarheit nimmt oft schon einen Teil des Drucks.


Wie du mit ambivalenter Trauer umgehen kannst

Erlaube dir widersprüchliche Gefühle

Der wichtigste Schritt ist, dir die Erlaubnis zu geben, mehrere, sich scheinbar widersprechende Gefühle gleichzeitig zu haben. Du kannst gleichzeitig trauern und erleichtert sein. Das ist keine Untreue gegenüber dem verstorbenen Elternteil, sondern ein ehrliches Abbild einer komplexen Beziehung.


Trauere auch um die verpasste Beziehung

Ein hilfreicher Schritt kann sein, bewusst auch der Beziehung Raum zu geben, die du dir gewünscht hättest, aber nie bekommen hast. Das kann durch Schreiben geschehen, durch ein Gespräch mit einer Trauerbegleitung, oder durch ein bewusstes Ritual, in dem du dir selbst diesen unerfüllten Wunsch eingestehst.


Suche dir ein Umfeld, das nicht wertet

Da diese Form der Trauer häufig von außen nicht verstanden wird, ist es besonders wichtig, sich Menschen oder professionelle Begleitung zu suchen, die nicht vorschnell urteilen oder erwarten, dass du „normal“ trauerst. Ein Umfeld, das Raum für Ambivalenz lässt, entlastet enorm.


Sei geduldig mit dem eigenen Prozess

Ambivalente Trauer braucht oft länger, um sich zu klären, weil mehrere Ebenen gleichzeitig verarbeitet werden müssen: der reale Verlust, die Beziehungsgeschichte, und manchmal auch alte, ungelöste Verletzungen. Das ist kein Zeichen, dass mit dir etwas nicht stimmt, sondern ein Hinweis auf die Komplexität dessen, was du verarbeitest.


Was, wenn die Beziehung von Missbrauch oder starker Verletzung geprägt war?

Bei besonders belastenden Beziehungen, etwa durch emotionalen, körperlichen oder anderen Missbrauch, kann die Trauer noch komplexer sein. Manche Menschen spüren in diesem Fall vor allem Erleichterung, kaum Trauer, und fühlen sich dafür stark verurteilt, von sich selbst oder von anderen. Auch das ist eine legitime Reaktion. Es gibt keine Verpflichtung, um jemanden zu trauern, der einem geschadet hat, in dem Ausmaß, das andere erwarten. In solchen Situationen ist professionelle Begleitung besonders wertvoll, weil sie einen geschützten Raum bietet, in dem du diese Gefühle ohne Bewertung sortieren kannst.


Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist

Wenn du merkst, dass die widersprüchlichen Gefühle dich lähmen, wenn Schuldgefühle überhandnehmen, oder wenn du das Gefühl hast, mit niemandem in deinem Umfeld offen über die Realität dieser Beziehung sprechen zu können, kann eine Trauerbegleitung oder therapeutische Unterstützung helfen. Dort darfst du die ganze Bandbreite deiner Gefühle zeigen, ohne dich rechtfertigen zu müssen.


Häufig gestellte Fragen

Ist es normal, sich nach dem Tod eines Elternteils erleichtert zu fühlen?

Ja, besonders wenn die Beziehung von Konflikt, Distanz oder Verletzung geprägt war. Erleichterung schließt Trauer nicht aus, beide Gefühle können gleichzeitig vorhanden sein.


Warum fühle ich mich schuldig, obwohl ich weiß, dass die Beziehung schwierig war?

Schuldgefühle entstehen oft aus dem Vergleich mit gesellschaftlichen Erwartungen an eine „normale“ Eltern-Kind-Beziehung. Sie sagen nichts darüber aus, ob du etwas falsch gemacht hast.


Was ist der Unterschied zwischen normaler und ambivalenter Trauer?

Bei ambivalenter Trauer treten widersprüchliche Gefühle wie Trauer und Erleichterung gleichzeitig auf, oft verbunden mit Trauer um eine Beziehung, die nie so war, wie man sie sich gewünscht hätte.


Muss ich um einen Elternteil trauern, der mir geschadet hat?

Nein. Es gibt keine Pflicht zur Trauer in einem bestimmten Ausmaß. Deine Reaktion, ob starke Trauer, Gleichgültigkeit oder vor allem Erleichterung, ist gültig.


Wie finde ich Unterstützung für diese Art von Trauer?

Trauerbegleitung oder therapeutische Begleitung, die Erfahrung mit komplizierter oder ambivalenter Trauer hat, bietet einen Raum, in dem du ohne Bewertung über die gesamte Bandbreite deiner Gefühle sprechen kannst.


Externe Quellen

  1. Wikipedia, Übersichtsartikel zu „Disenfranchised grief“ (Konzept von Kenneth Doka): Anchor-Text „das Konzept der nicht anerkannten Trauer“, URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Disenfranchised_grief

  2. Kenneth Doka, Originalwerk „Disenfranchised Grief: Recognizing Hidden Sorrow“: Anchor-Text „die Forschung von Kenneth Doka“

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