Trauer am Arbeitsplatz – warum wir endlich darüber sprechen müssen
- Theres Kirisits

- 30. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Trauer gehört zum Leben – auch ins Büro. Was passiert, wenn ein Kollege stirbt, eine Mitarbeiterin ihre Mutter verliert oder jemand im Team plötzlich nicht mehr erscheint? Und wie können Unternehmen sinnvoll reagieren, ohne zu überfordern?
In einem Interview mit famPlus habe ich gemeinsam mit Tanja Gerlinger und Johannes Winklmair genau darüber gesprochen: über Trauer am Arbeitsplatz, die Rolle von Führungskräften – und warum dieses Thema endlich den Raum verdient, den es braucht.
Lieber hören als lesen? Das vollständige Interview gibt es hier:
Warum Trauer keine Privatthema ist
Stell dir vor: Es ist Montagmorgen, Teammeeting. Jemand fragt, was gerade ansteht. Und ein Kollege sagt ruhig: „Ich habe meine Mutter verloren. Ich bin in Trauer." Das Thema wird sofort beiseitegeschoben – keine Zeit dafür.
Genau das ist die Realität in vielen Unternehmen. Wir haben hunderte Meetings zu Zeitmanagement, Feedback und Produktivität. Geht es jedoch darum, was den Menschen ausmacht, mit dem wir 40 Stunden pro Woche zusammenarbeiten – wird es schnell still.
Dabei ist die Wahrheit: Trauer kommt sowieso. Früher oder später ist jede Person im Unternehmen betroffen – als Trauernde selbst, als Kolleg:in oder als Führungskraft. Die Frage ist nur, ob wir dann vorbereitet sind.
Was Trauer mit dem Körper macht - und warum das die Arbeit betrifft
Trauer ist nicht nur ein Gefühl im Kopf. Sie ist körperlich. Wer tiefe Freude kennt – dieses Kribbeln, wenn etwas Wunderbares passiert – kennt auch das Gegenteil: das Drücken auf der Brust, das schwere Atmen, die Anspannung.
Trauernde Menschen sind oft nicht in der Lage, ihr volles Potential abzurufen. Sie machen mehr Fehler, können sich schlechter konzentrieren, sind körperlich anwesend – innerlich jedoch weit entfernt. Und das betrifft das Unternehmen ganz real:
Wer übernimmt die Aufgaben, wenn jemand ausfällt?
Wer ruft die Kund:innen an?
Wer kümmert sich um das Team – wenn ein Teammitglied plötzlich wegfällt?
Diese Fragen sind keine emotionalen Fragen. Sie sind operative Fragen. Und genau deshalb ist Trauer am Arbeitsplatz ein Unternehmensthema.
Zahlen, die zeigen: Das betrifft uns alle
Manchmal hilft es, die Realität in Zahlen zu sehen:
Jede dritte bis vierte Frau erleidet eine Fehlgeburt – ein oft unsichtbarer Verlust, auch mitten im Arbeitsleben.
Über 10.000 Suizide pro Jahr in Deutschland hinterlassen Angehörige, Kolleg:innen, Freund:innen.
Über 500.000 Krebsneuerkrankungen jährlich – etwa 35 % davon im erwerbsfähigen Alter.
15–17 % der Todesfälle betreffen Menschen im Berufsleben.
Das heißt: In jedem Büro, in jeder Abteilung, in jedem Team sitzt jemand, der gerade trägt. Wir sehen es nur oft nicht.
Was Unternehmen jetzt konkret tun können
Die gute Nachricht: Es braucht keine großen Strategiepapiere oder aufwendigen Programme. Es beginnt mit kleinen Schritten.
1. Einen Notfallplan entwickeln
Wer springt ein, wenn eine Kollegin plötzlich ausfällt? Welche Aufgaben sind wie zu verteilen? Das sind faktische Fragen – und sie lassen sich in ruhigen Zeiten klären, damit man in der Krise nicht improvisieren muss.
2. Führungskräfte sensibilisieren
Führungskräfte sind keine Therapeut:innen – und das müssen sie auch nicht sein. Was sie können: hinschauen. Fragen: „Wie geht es dir gerade wirklich?" Und: „Was brauchst du gerade?"
Eine einfache, ehrliche Haltung kann mehr bewirken als jedes Prozesshandbuch.
3. Flexible Lösungen anbieten
Veränderte Arbeitszeiten, Homeoffice, eine Pause für einen schlechten Tag – das sind Möglichkeiten, die trauernde Mitarbeitende stabilisieren können. Trauer ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Was der eine braucht, ist nicht das, was die andere braucht.
4. Professionelle Unterstützung ermöglichen
Trauerbegleitung, Trauergruppen, externe Angebote – sie sind keine Schwäche, sondern Ressource. Beim famPlus Podcast berichten wir von einem Pilotprojekt: 20.000 Mitarbeitende wurden per Newsletter über Trauergruppen informiert. Die Plätze waren in vier Minuten ausgebucht. Acht Gruppen, alle voll – über Wochen. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist.
Wie eine Trauergruppe wirklich aussieht
Viele Menschen stellen sich eine Trauergruppe als schweres, düsteres Treffen vor. Die Realität ist eine andere.
Ja, alle sind nervös am Anfang. Alle fragen sich: „Kann ich hier weinen? Muss ich reden? Was, wenn ich gar nichts sagen will?"
Und dann: Es beginnt jemand zu sprechen. Die Atmosphäre entspannt sich. Es gibt Tränen – und viel Lachen. Erinnerungen werden geteilt. Menschen merken: Ich bin nicht allein. Was ich fühle, ist normal.
Eine Gruppe dauert sechs Treffen à 90 Minuten. Viele sagen nach dem ersten Mal: Es war das Beste, was sie in dieser Zeit für sich getan haben.
Man könnte es einen Erste-Hilfe-Kurs für Trauernde nennen. Nur sanfter.
Was Trauernde wirklich brauchen
Als Trauerbegleiterin erlebe ich es immer wieder: Trauernde Menschen brauchen keine perfekten Antworten. Sie brauchen jemanden, der zuhört. Der da ist. Der nicht wegläuft.
Der wichtigste Satz, den ich kenne: Wer spricht, dem kann geholfen werden.
Das gilt für Trauernde – und für Unternehmen. Fang an zu sprechen. Stell die Fragen. Geh nicht davon aus, dass die andere Person schon weiß, was sie braucht. Frag nach. Und wenn du als Führungskraft, als Kolleg:in oder als Mensch nicht weißt, was du tun sollst: Das ist vollkommen in Ordnung.
Fazit: Trauer gehört in die Mitte - nicht an den Rand
Wir leben in einer Zeit, in der Unternehmen mehr denn je über Menschlichkeit sprechen. Über Wellbeing, Zugehörigkeit, psychologische Sicherheit. Und das ist gut.
Menschlichkeit endet nicht dort, wo der Verlust beginnt. Im Gegenteil: Genau dort fängt sie an.
Trauer am Arbeitsplatz ist kein Sonderthema. Es ist das Thema. Weil wir alle Menschen sind – mit Geschichte, mit Lieben, mit Verlusten. Und weil Arbeit ein Ort sein kann, der trägt. Wenn wir es zulassen.
Du möchtest das Thema Trauer in dein Unternehmen bringen – als Workshop, Vortrag oder Trauerbegleitung? Ich freue mich auf deine Nachricht.


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