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Trauer am Arbeitsplatz: Warum wir endlich darüber sprechen müssen

Autorenbild: Theres Kirisits
Theres Kirisits
30. Mai
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Aug.


Trauer gehört zum Leben, auch ins Büro. Was passiert, wenn ein Kollege stirbt, eine Mitarbeiterin ihre Mutter verliert oder jemand im Team plötzlich nicht mehr erscheint? Und wie können Unternehmen sinnvoll reagieren, ohne zu überfordern?


In einem Interview mit famPlus habe ich gemeinsam mit Tanja Gerlinger und Johannes Winklmair genau darüber gesprochen: über Trauer am Arbeitsplatz, die Rolle von Führungskräften, und warum dieses Thema endlich den Raum verdient, den es braucht.


Lieber hören als lesen? Das vollständige Interview gibt es hier:





Warum Trauer kein Privatthema ist

Stell dir vor: Es ist Montagmorgen, Teammeeting. Jemand fragt, was gerade ansteht. Und ein Kollege sagt ruhig: „Ich habe meine Mutter verloren. Ich bin in Trauer." Das Thema wird sofort beiseitegeschoben, keine Zeit dafür.


Genau das ist die Realität in vielen Unternehmen. Wir haben hunderte Meetings zu Zeitmanagement, Feedback und Produktivität. Geht es jedoch darum, was den Menschen ausmacht, mit dem wir 40 Stunden pro Woche zusammenarbeiten, wird es schnell still.


Dabei ist die Wahrheit: Trauer kommt sowieso. Früher oder später ist jede Person im Unternehmen betroffen, als Trauernde selbst, als Kolleg:in oder als Führungskraft. Die Frage ist nur, ob wir dann vorbereitet sind.


Was Trauer mit dem Körper macht, und warum das die Arbeit betrifft

Trauer ist nicht nur ein Gefühl im Kopf. Sie ist körperlich. Wer tiefe Freude kennt, dieses Kribbeln, wenn etwas Wunderbares passiert, kennt auch das Gegenteil: das Drücken auf der Brust, das schwere Atmen, die Anspannung.


Trauernde Menschen sind oft nicht in der Lage, ihr volles Potential abzurufen. Sie machen mehr Fehler, können sich schlechter konzentrieren, sind körperlich anwesend, innerlich jedoch weit entfernt. Und das betrifft das Unternehmen ganz real:

  • Wer übernimmt die Aufgaben, wenn jemand ausfällt?

  • Wer ruft die Kund:innen an?

  • Wer kümmert sich um das Team, wenn ein Teammitglied plötzlich wegfällt?


Diese Fragen sind keine emotionalen Fragen. Sie sind operative Fragen. Und genau deshalb ist Trauer am Arbeitsplatz ein Unternehmensthema.


Zahlen, die zeigen: Das betrifft uns alle

Manchmal hilft es, die Realität in Zahlen zu sehen:

  • Jede dritte Frau erleidet vor der 12. Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt, ein oft unsichtbarer Verlust, auch mitten im Arbeitsleben. (Quelle: Berufsverband der Frauenärzte)

  • Über 10.000 Menschen sterben jährlich in Deutschland durch Suizid und hinterlassen Angehörige, Kolleg:innen, Freund:innen. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

  • Über 500.000 Menschen erhalten jährlich in Deutschland die Diagnose Krebs, gut ein Drittel davon im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren. (Quelle: Robert Koch-Institut)


Das heißt: In jedem Büro, in jeder Abteilung, in jedem Team sitzt jemand, der gerade trägt. Wir sehen es nur oft nicht.


Trauer verläuft selten geradlinig, sie windet sich, wie dieser Weg durch den Nebel.


Was Unternehmen jetzt konkret tun können

Die gute Nachricht: Es braucht keine großen Strategiepapiere oder aufwendigen Programme. Es beginnt mit kleinen Schritten.


1. Einen Notfallplan entwickeln

Wer springt ein, wenn eine Kollegin plötzlich ausfällt? Welche Aufgaben sind wie zu verteilen? Das sind faktische Fragen, und sie lassen sich in ruhigen Zeiten klären, damit man in der Krise nicht improvisieren muss.


2. Führungskräfte sensibilisieren

Führungskräfte sind keine Therapeut:innen, und das müssen sie auch nicht sein. Was sie können: hinschauen. Fragen: „Wie geht es dir gerade wirklich?" Und: „Was brauchst du gerade?"

Eine einfache, ehrliche Haltung kann mehr bewirken als jedes Prozesshandbuch.


3. Flexible Lösungen anbieten

Veränderte Arbeitszeiten, Homeoffice, eine Pause für einen schlechten Tag, das sind Möglichkeiten, die trauernde Mitarbeitende stabilisieren können. Trauer ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Was der eine braucht, ist nicht das, was die andere braucht.


4. Professionelle Unterstützung ermöglichen

Trauerbegleitung, Trauergruppen, externe Angebote, sie sind keine Schwäche, sondern Ressource. Beim famPlus Podcast berichten wir von einem Pilotprojekt: 20.000 Mitarbeitende wurden per Newsletter über Trauergruppen informiert. Die Plätze waren in vier Minuten ausgebucht. Acht Gruppen, alle voll, über Wochen. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist.


Was du als Kolleg:in tun kannst, auch ohne Führungsrolle

Nicht jeder trägt Personalverantwortung, aber jede und jeder kann etwas verändern. Du musst keine perfekten Worte finden oder eine Lösung parat haben. Ein paar einfache Dinge helfen oft mehr, als man denkt:


  • Ansprechen statt schweigen. Ein einfaches „Ich habe gehört, was passiert ist. Wie geht es dir?" reicht. Schweigen aus Angst, etwas Falsches zu sagen, fühlt sich für die trauernde Person meist schlimmer an als eine unbeholfene, aber ehrliche Nachfrage.

  • Nicht von Trauer sprechen, als wäre sie eine Deadline. Sätze wie „Du bist doch schon eine Weile wieder da, geht's dir jetzt besser?" setzen unbewusst unter Druck. Trauer hält sich an keinen Kalender.

  • Konkrete Hilfe anbieten statt allgemeiner Floskeln. „Ruf mich an, wenn du was brauchst" wird selten genutzt. „Ich übernehme dein Kundengespräch am Donnerstag" schon eher.

  • Auch nach den ersten Wochen nachfragen. Die Anteilnahme ist oft in der ersten Woche am größten und verschwindet danach. Genau dann, wenn der Alltag wieder normal aussehen soll, fühlt sich Trauer für viele am schwersten an.


Wie eine Trauergruppe wirklich aussieht

Viele Menschen stellen sich eine Trauergruppe als schweres, düsteres Treffen vor. Die Realität ist eine andere.

Ja, alle sind nervös am Anfang. Alle fragen sich: „Kann ich hier weinen? Muss ich reden? Was, wenn ich gar nichts sagen will?"


Und dann: Es beginnt jemand zu sprechen. Die Atmosphäre entspannt sich. Es gibt Tränen, und viel Lachen. Erinnerungen werden geteilt. Menschen merken: Ich bin nicht allein. Was ich fühle, ist normal. Genau dieses Gefühl, mit der eigenen Trauer nicht allein zu sein, ist oft das, was am meisten entlastet, mehr als jeder gut gemeinte Ratschlag von außen.


Eine Gruppe dauert sechs Treffen à 90 Minuten. Viele sagen nach dem ersten Mal: Es war das Beste, was sie in dieser Zeit für sich getan haben.


Man könnte es einen Erste-Hilfe-Kurs für Trauernde nennen. Nur sanfter.


Was Trauernde wirklich brauchen

Als Trauerbegleiterin erlebe ich es immer wieder: Trauernde Menschen brauchen keine perfekten Antworten. Sie brauchen jemanden, der zuhört. Der da ist. Der nicht wegläuft.


Der wichtigste Satz, den ich kenne: Wer spricht, dem kann geholfen werden.


Das gilt für Trauernde, und für Unternehmen. Fang an zu sprechen. Stell die Fragen. Geh nicht davon aus, dass die andere Person schon weiß, was sie braucht. Frag nach. Und wenn du als Führungskraft, als Kolleg:in oder als Mensch nicht weißt, was du tun sollst: Das ist vollkommen in Ordnung. Wichtiger als die richtige Antwort ist, dass du überhaupt fragst. Wer sich für Trauer am Arbeitsplatz interessiert, findet auch in Trauerphasen: Was hinter dem Modell steckt eine gute Grundlage, um zu verstehen, warum Trauer so unterschiedlich aussieht.


Fazit: Trauer gehört in die Mitte, nicht an den Rand

Wir leben in einer Zeit, in der Unternehmen mehr denn je über Menschlichkeit sprechen. Über Wellbeing, Zugehörigkeit, psychologische Sicherheit. Und das ist gut.


Menschlichkeit endet nicht dort, wo der Verlust beginnt. Im Gegenteil: Genau dort fängt sie an.


Trauer am Arbeitsplatz ist kein Sonderthema. Es ist das Thema. Weil wir alle Menschen sind, mit Geschichte, mit Lieben, mit Verlusten. Und weil Arbeit ein Ort sein kann, der trägt. Wenn wir es zulassen.


Du möchtest das Thema Trauer in dein Unternehmen bringen, als Workshop, Vortrag oder Trauerbegleitung? Ich freue mich auf deine Nachricht.


Häufige Fragen zu Trauer am Arbeitsplatz

Muss ich meinem Arbeitgeber sagen, dass ich trauere?

Nein, du bist dazu nicht verpflichtet. Es kann aber helfen, zumindest kurz Bescheid zu geben, damit dein Umfeld deine Situation einordnen kann und du nicht zusätzlich erklären musst, warum du gerade weniger belastbar bist.


Wie lange darf man nach einem Todesfall zu Hause bleiben?

Das hängt vom Verwandtschaftsgrad und der jeweiligen betrieblichen Regelung ab, meist ein bis wenige Tage bezahlte Freistellung bei nahen Angehörigen. Wie lange die eigentliche Trauer dauert, ist davon unabhängig und hat kein festes Enddatum.


Was, wenn meine Führungskraft nicht weiß, wie sie reagieren soll?

Das ist normal und kein Zeichen von Desinteresse. Die meisten Führungskräfte hatten nie eine Schulung dafür. Ein offenes Gespräch darüber, was du gerade konkret brauchst, hilft oft mehr als eine perfekt vorbereitete Reaktion.


Gilt das auch bei weniger sichtbaren Verlusten wie einer Fehlgeburt?

Ja, ausdrücklich. Verluste wie eine Fehlgeburt, eine Trennung oder der Tod eines entfernteren Angehörigen werden am Arbeitsplatz oft übergangen, weil sie weniger sichtbar sind. Der Trauerprozess dahinter ist deshalb nicht kleiner.


Wie spreche ich einen trauernden Kollegen an, ohne es falsch zu machen?

Es gibt kein perfektes „Richtig". Eine einfache, ehrliche Frage wie „Wie geht es dir gerade wirklich?" reicht meist völlig aus. Wichtiger als die perfekte Formulierung ist, dass du überhaupt fragst und dann wirklich zuhörst.


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