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Trauer am Arbeitsplatz: Wie Unternehmen trauernde Mitarbeitende unterstützen können

Autorenbild: Theres Kirisits
Theres Kirisits
30. Mai
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Sept.

Trauer gehört zum Leben, auch ins Büro. Was passiert, wenn ein Kollege stirbt, eine Mitarbeiterin ihre Mutter verliert oder jemand im Team plötzlich nicht mehr erscheint? Und wie können Unternehmen sinnvoll reagieren, ohne zu überfordern? Dieser Leitfaden richtet sich an HR, Führungskräfte und Geschäftsführung.

Kurz gesagt: Unternehmen helfen trauernden Mitarbeitenden am meisten mit einem ehrlichen Gespräch, flexiblen Lösungen, klaren Absprachen im Team und Zugang zu professioneller Unterstützung. Führungskräfte müssen keine Therapeut:innen sein. Sie müssen hinschauen, fragen und Druck herausnehmen.

In einem Interview mit famPlus habe ich gemeinsam mit Tanja Gerlinger und Johannes Winklmair genau darüber gesprochen: über Trauer am Arbeitsplatz, die Rolle von Führungskräften und warum dieses Thema endlich den Raum verdient, den es braucht.



Warum Trauer kein Privatthema ist

Stell dir vor: Es ist Montagmorgen, Teammeeting. Jemand fragt, was gerade ansteht. Und ein Kollege sagt ruhig: „Ich habe meine Mutter verloren. Ich bin in Trauer.“ Das Thema wird sofort beiseitegeschoben. Keine Zeit dafür.


Genau das ist die Realität in vielen Unternehmen. Es gibt unzählige Meetings zu Zeitmanagement, Feedback und Produktivität. Geht es jedoch darum, was den Menschen ausmacht, mit dem wir 40 Stunden pro Woche zusammenarbeiten, wird es schnell still.


Dabei ist die Wahrheit: Trauer kommt sowieso. Früher oder später ist jede Person im Unternehmen betroffen, als Trauernde selbst, als Kolleg:in oder als Führungskraft. Die Frage ist nur, ob wir dann vorbereitet sind.


Was Trauer mit dem Körper macht, und warum das die Arbeit betrifft

Trauer ist nicht nur ein Gefühl im Kopf. Sie ist körperlich. Wer tiefe Freude kennt, dieses Kribbeln, wenn etwas Wunderbares passiert, kennt auch das Gegenteil: das Drücken auf der Brust, das schwere Atmen, die Anspannung. Mehr dazu in Körperliche Symptome bei Trauer.


Trauernde Menschen können oft nicht ihr volles Potenzial abrufen. Sie machen mehr Fehler, können sich schlechter konzentrieren, sind körperlich anwesend, innerlich aber weit entfernt. Und das betrifft das Unternehmen ganz real:


  • Wer übernimmt die Aufgaben, wenn jemand ausfällt?

  • Wer ruft die Kund:innen an?

  • Wer kümmert sich um das Team, wenn ein Teammitglied plötzlich fehlt?


Diese Fragen sind keine emotionalen Fragen. Sie sind operative Fragen. Genau deshalb ist Trauer am Arbeitsplatz ein Unternehmensthema.


Ein gewundener Weg durch den Nebel, ein Bild dafür, dass Trauer selten geradlinig verläuft

Zahlen, die zeigen: Das betrifft uns alle

Manchmal hilft es, die Realität in Zahlen zu sehen:



Das heißt: In jedem Büro, in jeder Abteilung, in jedem Team sitzt jemand, der gerade etwas trägt. Wir sehen es nur oft nicht.


Trauernde Mitarbeitende unterstützen: Was Unternehmen jetzt konkret tun können

Die gute Nachricht: Es braucht keine großen Strategiepapiere oder aufwendigen Programme. Es beginnt mit kleinen Schritten.


1. Einen Notfallplan entwickeln

Wer springt ein, wenn eine Kollegin plötzlich ausfällt? Welche Aufgaben sind wie zu verteilen? Das sind sachliche Fragen, und sie lassen sich in ruhigen Zeiten klären, damit man in der Krise nicht improvisieren muss.


2. Führungskräfte sensibilisieren

Führungskräfte sind keine Therapeut:innen, und das müssen sie auch nicht sein. Was sie können: hinschauen. Fragen: „Wie geht es dir gerade wirklich?“ Und: „Was brauchst du gerade?“ Eine einfache, ehrliche Haltung kann mehr bewirken als jedes Prozesshandbuch.


3. Flexible Lösungen anbieten

Veränderte Arbeitszeiten, Homeoffice, eine Pause für einen schlechten Tag: Das sind Möglichkeiten, die trauernde Mitarbeitende stabilisieren können. Trauer ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Was der eine braucht, ist nicht das, was die andere braucht.


4. Professionelle Unterstützung ermöglichen

Trauerbegleitung, Trauergruppen, externe Angebote: Sie sind keine Schwäche, sondern eine Ressource. Im famPlus-Podcast berichten wir von einem Pilotprojekt: 20.000 Mitarbeitende wurden per Newsletter über Trauergruppen informiert. Die Plätze waren in vier Minuten ausgebucht. Acht Gruppen, alle voll, über Wochen. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist.


Wenn eine Kollegin oder ein Kollege stirbt: die ersten 48 Stunden

Der Tod eines Teammitglieds trifft ein Team besonders hart. Diese Schritte helfen in den ersten Tagen:


  1. Informationen klären: Mit der Familie abstimmen, was geteilt werden darf.

  2. Das Team persönlich informieren, möglichst im Gespräch oder Video-Call, nicht nur per E-Mail.

  3. Raum geben: Ein kurzes Innehalten im Team, ein Kondolenzbuch, eine Kerze am Arbeitsplatz.

  4. Aufgaben neu verteilen, ohne dass der Arbeitsplatz sofort „geräumt“ wird.

  5. Unterstützung anbieten, etwa ein Gespräch mit einer externen Trauerbegleiterin für das Team.

  6. Nachfragen, auch Wochen später, wie es dem Team geht.


Das Rückkehrgespräch: 5 Fragen, die helfen

Wenn eine trauernde Person nach einem Todesfall in den Job zurückkommt, hilft ein kurzes, ruhiges Gespräch. Diese Fragen geben Orientierung:


  • „Wie geht es dir heute, ganz ehrlich?“

  • „Was hilft dir in den nächsten Wochen, und was eher nicht?“

  • „Möchtest du, dass das Team Bescheid weiß? Wie viel?“

  • „Welche Aufgaben kann ich dir gerade abnehmen?“

  • „Wann sollen wir wieder sprechen?“


Was Betroffene selbst im Job brauchen, beschreibe ich in Trauer im Job: Was du nach einem Verlust am Arbeitsplatz brauchst.


Was du als Kolleg:in tun kannst, auch ohne Führungsrolle

Nicht alle tragen Personalverantwortung, aber alle können etwas verändern. Du musst keine perfekten Worte finden oder eine Lösung parat haben. Ein paar einfache Dinge helfen oft mehr, als man denkt:


  • Ansprechen statt schweigen. Ein einfaches „Ich habe gehört, was passiert ist. Wie geht es dir?“ reicht. Schweigen aus Angst, etwas Falsches zu sagen, fühlt sich für die trauernde Person meist schlimmer an als eine unbeholfene, aber ehrliche Nachfrage.

  • Nicht von Trauer sprechen, als wäre sie eine Deadline. Sätze wie „Du bist doch schon eine Weile wieder da, geht’s dir jetzt besser?“ setzen unbewusst unter Druck. Trauer hält sich an keinen Kalender.

  • Konkrete Hilfe anbieten statt Floskeln. „Ruf mich an, wenn du was brauchst“ wird selten genutzt. „Ich übernehme dein Kundengespräch am Donnerstag“ schon eher.

  • Auch nach den ersten Wochen nachfragen. Die Anteilnahme ist oft in der ersten Woche am größten und verschwindet danach. Genau dann, wenn der Alltag wieder normal aussehen soll, ist Trauer für viele am schwersten.



Wie eine Trauergruppe wirklich aussieht

Viele stellen sich eine Trauergruppe als schweres, düsteres Treffen vor. Die Realität ist eine andere.


Ja, alle sind am Anfang nervös. Alle fragen sich: „Kann ich hier weinen? Muss ich reden? Was, wenn ich gar nichts sagen will?“


Und dann beginnt jemand zu sprechen. Die Atmosphäre entspannt sich. Es gibt Tränen und viel Lachen. Erinnerungen werden geteilt. Menschen merken: Ich bin nicht allein. Was ich fühle, ist normal. Genau dieses Gefühl entlastet oft mehr als jeder gut gemeinte Ratschlag von außen.


Eine Gruppe dauert sechs Treffen à 90 Minuten. Viele sagen nach dem ersten Mal: Es war das Beste, was sie in dieser Zeit für sich getan haben. Man könnte es einen Erste-Hilfe-Kurs für Trauernde nennen. Nur sanfter.


Was Trauernde wirklich brauchen

Als Trauerbegleiterin erlebe ich es immer wieder: Trauernde Menschen brauchen keine perfekten Antworten. Sie brauchen jemanden, der zuhört. Der da ist. Der nicht wegläuft.


Der wichtigste Satz, den ich kenne: Wer spricht, dem kann geholfen werden.


Das gilt für Trauernde und für Unternehmen. Fang an zu sprechen. Stell die Fragen. Geh nicht davon aus, dass die andere Person schon weiß, was sie braucht. Frag nach. Und wenn du als Führungskraft, als Kolleg:in oder als Mensch nicht weißt, was du tun sollst: Das ist vollkommen in Ordnung. Wichtiger als die richtige Antwort ist, dass du überhaupt fragst. Warum Trauer bei jedem Menschen so unterschiedlich aussieht, erkläre ich in Trauerphasen: Die 5 Phasen und warum Trauer nicht linear verläuft.


Fazit: Trauer gehört in die Mitte, nicht an den Rand

Unternehmen sprechen heute mehr denn je über Menschlichkeit: über Wellbeing, Zugehörigkeit, psychologische Sicherheit. Und das ist gut.


Menschlichkeit endet nicht dort, wo der Verlust beginnt. Im Gegenteil: Genau dort fängt sie an.


Trauer am Arbeitsplatz ist kein Sonderthema. Es ist das Thema. Weil wir alle Menschen sind, mit Geschichte, mit Lieben, mit Verlusten. Und weil Arbeit ein Ort sein kann, der trägt. Wenn wir es zulassen.


Häufige Fragen von Unternehmen

Wie viel Sonderurlaub gibt es bei einem Todesfall?

Das hängt von Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung ab. Häufig sind es ein bis zwei Tage bezahlte Freistellung beim Tod naher Angehöriger (Grundlage oft § 616 BGB, Details im Einzelfall prüfen). Wie lange die Trauer selbst dauert, ist davon unabhängig.


Was sage ich als Führungskraft einer trauernden Mitarbeiterin?

Ein einfacher, ehrlicher Satz reicht: „Es tut mir sehr leid. Was brauchst du gerade?“ Wichtiger als die perfekte Formulierung ist, dass du überhaupt fragst, zuhörst und konkret entlastest.


Wie informiere ich das Team über einen Todesfall?

Möglichst persönlich, im Gespräch oder Video-Call, und in Absprache mit der betroffenen Person oder der Familie. Gib Raum für Reaktionen und biete an, dass sich alle bei dir melden können.


Sollten Unternehmen Trauergruppen anbieten?

Ja, wenn möglich. Das Pilotprojekt mit 20.000 Mitarbeitenden zeigt, wie groß der Bedarf ist: Die Plätze waren in vier Minuten vergeben. Trauergruppen entlasten Betroffene und damit auch Teams und Führungskräfte.


Gilt das auch bei weniger sichtbaren Verlusten wie einer Fehlgeburt?

Ja, ausdrücklich. Verluste wie eine Fehlgeburt, eine Trennung oder der Tod eines entfernteren Angehörigen werden am Arbeitsplatz oft übergangen, weil sie weniger sichtbar sind. Die Trauer dahinter ist deshalb nicht kleiner.


Du möchtest das Thema Trauer in dein Unternehmen bringen, als Workshop, Vortrag oder Trauerbegleitung für Mitarbeitende? Hier findest du mein Angebot Trauer am Arbeitsplatz für Unternehmen. Ich freue mich auf deine Nachricht.


Theres Kirisits ist zertifizierte Trauerbegleiterin und Gründerin von t.rau*raum. Sie bietet Trauerbegleitung und Trauergruppen online an, auf Deutsch oder Englisch, auch am Wochenende oder an Feiertagen, mit einem ersten Termin innerhalb von 48 Stunden. Außerdem gibt sie Workshops zu Trauer am Arbeitsplatz. Mehr über Theres

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